Kleine Schritte im Nebel

Bevor ich letztes Jahr zur ersten größeren Reise im Camper aufbrach, holte ich mir noch eine Caffé Latte für die Fahrt. Ich erinnere mich, wie ich anschließend die enge Straße entlangfuhr, meinen Laden dabei durch den Rückspiegel ansah und sehr unsicher war, ob ich mich wirklich richtig entschieden hatte. Ein besonderer Moment, aus dem später der Name dieses Blogs entstehen würde. Mein Leben bis dato bestand gefühlt nur noch zwischen Verpflichtungen und alltäglichen Routineaufgaben. Dennoch, ich liebte meinen Job im Café, die vielen Menschen um mich herum und, dämlich aber wahr, irgendwie auch den Status des Unternehmers, der äußerlich betrachtet kreativ, selbstsicher und erfolgreich zu sein scheint. Wahrscheinlich hätte ich immer so weitergemacht, wäre ich nicht krank geworden. Es gab an sich keinen Grund, mein Leben zu hinterfragen oder gar derart radikal zu ändern. Wie die meisten von uns, die täglich arbeiten und ihre Rechnungen bezahlen müssen, hielt ich das auch nicht für realisierbar.

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Nach meinem Ausstieg und der neu gewonnenen Freiheit habe ich daher oft betont, der Schlag vor den Bug sei das Beste, was mir mit fünfzig passieren konnte. In gewisser Weise möchte ich das noch heute glauben, wenngleich mein Alltag mit dem Krebs etwas ist, das nur selten so glatt verläuft, wie es sich hier vielleicht manchmal anhört. Noch immer habe ich mich mit regelmäßigen Bluttests und ihren wechselnden Ergebnissen herumzuschlagen. Ich gelte nicht als geheilt und bin gezwungen, in einer seltsamen Ungewissheit zu leben. Dadurch neige ich ungewollt dazu, immer nur in einem Zeithorizont von zwei oder drei Jahren zu planen, und den Fokus im Wesentlichen darauf zu setzen, mir am Lebensende bloß nicht eingestehen zu müssen, ich hätte etwas versäumt oder sei mit dem Leben noch gar nicht fertig.

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Dennoch, der Reiz des großen Abenteuers, der anfänglich ein stark motivierender Reisebuddy war, flog in diesem Jahr aus dem Bulli, und dann wurde der Bulli immer öfter geparkt. Um es klar zu sagen, die Reisen und besonders diese lange Zeit einmal ganz für mich sind eine fantastische Grenzerfahrung, die ich um nichts missen möchte. Ein wunderbares Privileg auf der einen, jedoch ein großer Irrtum oder, böse ausgedrückt, vielleicht sogar eine Selbstlüge auf der anderen Seite. Wahrscheinlich brauchte ich die Zeit in anderen Ländern, um zu verstehen, dass Glück in der Ferne am Ende nicht mehr als nur eine Illusion ist. Das ist keine wirklich neue Erkenntnis, nein, es ist das Eingeständnis eines Menschen, der bereit und in der Lage ist, auf sein bisheriges Leben zurückzublicken und es ehrlich zu reflektieren.

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Das endlose Reisen erschöpft sich irgendwann. Ich halte es heute für ein temporär mögliches Lebensmodel, aber auch nicht für mehr. Es verliert über die Alltäglichkeit seinen Reiz, und sollte ein Ziel beim endlosen Reisen existieren, dann wohl die Erkenntnis, dass jeder seinen Fixpunkt braucht, an den er gehört. Die meisten unter uns werden nun vermutlich denken, dies sei das Zuhause. Das ist wohl auch so, doch wenn man früher einmal das Gefühl hatte, dem entfliehen zu wollen, wird man sich dann natürlich fragen müssen, warum dem so war. Nach heute zwei Jahren völliger Freiheit kann ich nur versuchen, zumindest für mich persönlich Antworten darauf zu finden. Am Ende geht es im Leben vielleicht um Ziele, die man nie erreichen sollte. Um kindliche Neugier, die wir nie verlieren und, falls doch geschehen, dringend wiederfinden sollten. Und um die Menschen um uns herum, die wir aufgrund unserer eigenen Lebenserfahrungen und Stimmungslagen oft falsch beurteilen und missverstehen.

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Mein zweites Jahr Auszeit unterschied sich daher gänzlich vom ersten. Es gab Touren im Bulli, in Spanien wurde ich dank Mückenplage zum aufgedunsenen Monster, und der Traum vom Nordkap strandete im ruhigen Norden Dänemarks. Der Großteil meines Jahres aber stand im Zeichen eines angestrebten Neuanfangs in Folge veränderter Sichtweisen. Jede große Veränderung beginnt mit einem ersten kleinen Schritt, und den habe ich in diesem Jahr gemacht. Ich habe kostenlose iPad-Kurse in Altenheimen gegeben, in Frankreich gelernt wie man wirklich hervorragende Seifen siedet und dass ich an meinem Buch wohl mindestens noch zwanzig Jahre arbeiten werde, bevor man es dann endlich doch auch nur zum Einwickeln seltsam müffelnder Fische gebrauchen kann. Wohin mich diese neuen Wege meiner Reise nun führen werden, kann ich also noch nicht sagen. Ich stehe im Nebel. Aber darum geht es wohl gerade im Leben. Probieren, resümieren, lernen und es dann besser machen. Oder zumindest anders.

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Euch allen wünsche ich für 2019 Gesundheit und Zuversicht, Neugier und Liebe!

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Das Leben ist wundervoll. Es gibt Augenblicke, da möchte man sterben. Aber dann geschieht etwas Neues, und man glaubt, man sei im Himmel.

(Edith Piaf)

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23 Gedanken zu „Kleine Schritte im Nebel

  1. Wunderbar ehrlich!!!
    Wow….Danke!!!!
    Ich hab mich so gefreut über deinen Blog heute…..fühl dich gedrückt….genau in diesem Nebel!….
    So ist das Leben! Klar und verschwommen….tiefe Freude….tiefe Trauer….lasst uns „Wein“ trinken. Roten und weißen abwechselnd, um zu feiern, dass nach der dunklen Zeit immer eine hellere Zeit folgt…..(Zitat aus dem Buch „Café Mandelplatz) ich trinke nur wenig Wein aber es hat mir Mut gemacht…..den wünsch ich dir auch!
    Wer sucht der findet…..
    aggy

  2. Schön, wieder von Dir zu lesen. Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte. Auch ich lebe in einer Ungewissheit. Aber es verblasst… manchmal

  3. Schön wieder von Dir zu hören Rolf, danke für den offenen und ehrlichen Beitrag.

    Du hast wirklich ein großes Talent zum Schreiben.

    Ich wünsche Dir alles Gute für das kommende Jahr!

  4. Lieber Rolf,

    es ist so schön und weiterhin sehr bereichernd & inspirierend von Dir zu lesen. Hab einmal mehr Dank für Deine Ehrlichkeit und den Blick, den Du uns allen in Dein Leben gewährst. Oft scheint genau DAS der Preis für Selbstreflexion & Wachstum zu sein: der Nebel. Wie gemein. Sobald der Nebel (oder auch nur Schwaden…) sich aber lichtet – und das wird er – sieht & fühlt man, um wieviel man schon wieder gewachsen ist. Mir hat schon oft der Satz geholfen: ‘es gibt nichts zu erreichen’. Irgendwie scheint er (für mich) wahr zu sein – was bedeutet es, sich auf dem Sterbebett zu fragen, ob man mit dem Leben fertig geworden ist Du kannst in jedem Moment Deines Lebens doch alles nur genau so machen, wie Du es machst. Was ist richtig, was falsch – und wer entscheidet das…?! Ich wünsche Dir Freude – und einen natürlichen Flow in Deinem Leben, dem Du vertraust.

    Ganz herzlich,
    Franziska

    1. Liebe Franziska, ein Freund, der in einem Hospiz arbeitet, erzählte mir mal, dass Sterben besonders für die Menschen eine furchtbare Qual ist, die das Gefühl haben, „mit dem Leben noch nicht fertig geworden zu sein“, also irgendetwas nicht abschließen konnten und aus diesem Grund nicht loslassen wollen. So war es gemeint.

  5. Hallo Rolf, vor einigen Wochen habe ich zufällig deinen Blog gefunden – keine Ahnung, auf welchem Umweg… Deine Art zu schreiben fand ich schön zu lesen, eintauchen zu können in deine Welt, deine Gedanken und Gefühle, die so ganz anders ist, als die vieler „Vanlifer“, die jeden Tag das „Nichts“ posten, um im Algorithmus von facebook nicht zu verschwinden. Aber ich schweife ab… Vor vielen Wochen habe ich dich auf fb geaddet, nur um dann nichts mehr von dir zu lesen: untergegangen in einem Algorithmus und wenigen fb-Besuchen meinerseits. Heute endlich, nach vielen Wochen, lese ich etwas von dir und es klingt so sehr nach einem Lebewohl, dass ich hoffe mich zu irren.
    Aber eigentlich ist das auch nicht weiter schlimm, da du diesen Blog ja nicht für mich machst, sondern für dich – hoffentlich. 😉
    Aber nun komme ich zu einem Gedanken, den ich beim Lesen deiner Worte hatte: vielleicht lag die Aufgabe deines Reisens ja auch nie darin, das Glück am Ende der Welt zu finden, sondern in deiner Erkenntnis, dass es dieses Glück immer nur in dir gibt… 🙂

    Alles Gute!
    Marcus

  6. Hallo Rolf, ich kann es nicht glauben, aber es ist so! Vor fast einem Jahr hatten wir hier den letzten Kontakt (04.02.2018). Aus dem Treffen in Bangkok ist nichts geworden. Mein Blog schlummert still vor sich hin. Werde im neuen Jahr einen neuen Anlauf nehmen. Wünsche Dir alles Gute für 2019, Rudolf

  7. Danke für deine Worte. Es ist so wahr . Fernweh raus dann merkt man … wo will.man wirklich sein .. wo ist zuhause ? In mir ? Die Frage aller Fragen… Ich wünsche dir Gesundheit fürs neue Jahr und danach ….
    Liebe claudi

  8. Lieber Rolf, so schön wieder etwas von dir zu lesen. Du hast eine wunderbare Art zu schreiben und ich fände es schade, wenn ich noch 20 Jahre auf dein Buch warten müsste, noch dazu Fisch kaufen müsste 😉 Ich wünsche dir für 2019 Geduld für die Zeit im Nebel, natürlich ganz besonders Gesundheit und viele wunderbare Momente. Gruß Gela

  9. Lieber Rolf,
    Dankeschön für deinen neuen Beitrag, so gnadenlos ehrlich und aus dem Innern heraus. Ich habe in diesem Jahr deine Seite sicherlich 20ig oder 30ig mal angeklickt, in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen von dir. Hängengeblieben bin ich bei alten wunderschön geschriebenen Erzählungen, die man immer wieder mit dem Gewinn neuer Aspekte und Reflektionen lesen kann. Egal wohin deine Reise führt, lass es uns wissen, du hast ein wunderbares Talent zum Schreiben. Du magst es „Nebel“ nennen, für mich bist du in Bewegung mit einem besonderen Blick auf die Geschehnisse um dich herum. Warum schreibst du nicht über iPad-Kurse oder Seife sieden? Ich wünsche dir fürs neue Jahr alles Gute, besonders viel Gesundheit und immer ein geladenes iPad, wenn dich das Bedürfnis zum Schreiben überkommt, herzliche Grüße aus dem sonnigen Portugal, Andreas

    1. Lieber Andreas, Berichte über meine „back-to-the-roots-Seifen“ werde ich sicher schreiben. Ich lebe gerade unterschiedliche Bereiche vertagter Neugier aus. Dinge, die ich immer schon mal machen wollte, aber früher nie die Muße dafür hatte. Viele durchaus leicht neidische Grüße nach Portugal!

  10. Lieber Rolf,
    es ist mir ein Anliegen Dir für die wunderbaren Worte zu danken. Ehrlich, inspirierend, anrührend! Alle Gute, vor allem Gesundheit für das neue Jahr. Herzliche Grüße, Frank

  11. Hallo Rolf,

    hab dich gerade im Nachtcafé gesehen. Wunderbar! Im Sommer hatte ich dir kurz geschrieben. Als ich deinen Blog entdeckt hatte. Danach hatte ich Lust mein neues Buch zu schreiben: Seelenkratzer. Schon im Handel. Danke dafür! Du bist ansteckend.

    Alles Liebe,
    Tanja

    1. Liebe Tanja, das mit deinem Buch zu hören freut mich sehr. Meinen Besuch im SWR Nachtcafé sehe ich selbstkritisch, da ich aufgrund der Aufregung eigentlich gar nichts von meiner Reise erzählt habe. Aber auf jeden Fall bin ich jetzt einer, der mal eine Astronautin gedrückt hat.

      1. Im Übrigen eine sehr sympathische Frau mit enormer Ausstrahlung – ob sie die vom Universum mitgebracht hat…??

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