Wintercampen

Wintercampen mit Zeltdach

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. So funktioniert die Welt, und deshalb gibt es Kriege und Kerle, die bei minus 8 Grad schlotternd in einem Bulli sitzen. Um meine Möglichkeiten auf künftigen Reisen besser einschätzen zu können, hatte ich immer schon mal vor, bei Frost im Camper zu schlafen, also packe ich das Nötigste ein, fülle die Wassertanks auf und fahre Richtung Nordsee. In Butjadingen am Jadebusen kaufe ich Brot und sehe zwei Menschen in drei Stunden, bei Hollwarden erstehe ich Eier bei einer argwönischen Frau, die sich nur ungern von ihnen trennt. Auf einem halbwegs idyllischen Parkplatz bei Fedderwardersiel findet sich der geeignete Stellplatz, auf dem ich mich für die Nacht einrichte.

 

Als Equipment liegen ein arktistauglicher Schlafsack, ein zweiter als Überdecke und ein winterbewährtes Outfit aus Funktionsunterwäsche, Sportkleidung und Socken aus Alpakawolle bereit. Als ich von unten aus den Tropen der Standheizung nach oben ins Zeltdach steige, beamt mich Scotty in den Permafrost, und ich beschließe, direkt die nächste Stufe zu zünden. Die ist ein Wäschetrocknerschlauch, mit dem sich der hinter dem Beifahrersitz sitzende Gebläseauslass der Standheizung nach oben verlegen lässt, wo er dann sommerliches Klima verspricht. Plastikklappe am Luftauslass ab, Schlauch mit Schelle drauf, fertig.

 

Nach der problemlosen Umrüstung strömt die warme Luft nun ungefähr vom Heckfenster aus lautstark nach oben unters Dach, wo ich starr an die Decke blickend liege und überlege, ob mir das gefällt. Der Temperaturfühler des Aggregats ist nämlich im unteren Bereich angebracht, wo nun keine oder weitaus weniger warme Luft gemessen werden kann. In der Konsequenz wird die dieselbetriebene Standheizung also wahrscheinlich unterunterbrochen bullern, für Kopfschmerzen sorgen und wäre ich Feuerwehrmann, würde ich vielleicht sogar über Gefahren und Brandherde und eine bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leiche nachdenken müssen.

 

Nach dem Rückbau der Heizung liege ich warm verpackt mit Kopfhörern und Wärmflasche im Schlafsack und dämmere bald weg. Ein paar Stunden später lassen mich Motorengeräusche aufschrecken, als gegenüber ein Wohnmobil aus Köln einparkt, bestimmt auf der Flucht vor Büttenrednern und besoffenen Jecken. Mein Körper ist schweißgebadet, das Gesicht gefroren und die Nase total zu. Es gibt isolierende Kappen für Aufstelldächer. Ich besaß mal eine, allerdings ist das Draufziehen wegen der Kratzergefahr schwierig und lohnt sich eigentlich nur bei mehrtägigen Standzeiten. Draußen sind es mittlerweile minus 8 Grad, und nur ein Stück Stoff gaukelt mir vor, nicht unter freiem Himmel zu liegen.

 

Ein Bett unten gibt es bei mir nicht, ich entschied mich stattdessen für einen weiteren Schrank. Für seltene Fälle aber, Sturmwarnung oder um unerkannt im Wagen zu schlafen, habe ich eine dicke Bodenmatte an Bord, die sich in ihrem Maß von 1,80 x 0,50m im Gang zwischen Heckklappe und Schiebetür ausrollen lässt. Bei dieser Übernachtungsform, ich nenne es Quetschbett, wird das Dach heruntergeklappt, Wetter und Lärm abgeschaltet und eine seitliche Liegeposition eingenommen. Den Auslass der nicht höher als 14 Grad eingestellten Standheizung dreht man seitlich weg, sodass weder Kopf noch Schlafsack überhitzen können. Das Quetschbett scheint zwar konzeptionell eher auf die Bequemlichkeit von Kindern und Pygmäen ausgelegt, aber in der Praxis ist es auch für Leute wie mich und ihren Bauch überraschend geräumig.

 

Die restliche Nacht gestaltet sich durchaus komfortabel und ohne weitere Unterbrechungen. Nachdem am Morgen das Dach wieder aufgestellt und die Standheizung hochgeregelt ist, stehe ich mit einer Caffé Latte am Heckfenster und sehe am Wohnmobil gegenüber eine ältere Frau im Bademantel auf einem Hocker vor der Tür kauern. Etwa zwanzig Minuten später geht zunächst auf dem Dach eine Luke auf, dann öffnet sich die Tür und sie darf wieder rein. Vielleicht wollte ihr Mann nach dem Frühstück noch eine rauchen oder ungestört telefonieren, man weiß es nicht, aber Frauen haben auf jeden Fall ein viel größeres Herz als Männer, denke ich. Vermutlich sind sie auch schlauer, denn Wintercampen ist eigentlich nur was für richtig harte Kerle.

 

 

Entdecken wir das Kind! Die größte Entdeckung, die noch aussteht, ist ein echtes Kinderspiel. Sie erfordert keine unerhörte Kühnheit, nicht den heroischen Vorsatz, mit allen Gefahren und Entbehrungen es aufzunehmen: sie ist keine Nordpolfahrt.

(Peter Hille)

 

Wintercampen

 

Hier findest du Links zu weiteren Informationen über die von mir im Artikel beschriebene Ausrüstung:

flexible Bodenmatte, Wäschetrocknerschlauch, Nomad Schlafsack, Authentics Wärmflasche, Feuerlöscherspray, Campinie Haube für Club Joker City

 

5 Gedanken zu „Wintercampen mit Zeltdach

  1. Hallo,
    Ich ziehe meinen Hut, du harter Kerl. Unsere Autos sind einfach nicht gemacht für die weisse Jahreszeit. Spätestens am 2. Tag bekommt man auf den gefühlten 1,5 Quatratmetern innen eh Platzangst. Zusätzlich zu den Frostbeulen 😉

    Ich weiß, es gibt etliche, die das ganz anders sehen. Das sind dann aber die ganz Harten, die Superhelden. Und so einer bin ich leider nicht.

    Lieben Gruß und immer mindestens 16 Grad

    1. Sehen wir es also sportlich. Wenn ich nun durch einen dummen Zufall mal im Bulli am Nordpol übernachten muss, weiß ich, was zu tun ist. Und was nicht.

  2. Auch wir wollten unbedingt in unserem Joker die Wintertauglichkeit ausprobieren und waren daher bei -6 Grad im Kaisergebirge über Silvester. Also, die einzige Stelle, die isoliert scheint, ist das Dach, der Rest ist einfach nur Karosserie. Wir haben allerdings eine „Mütze“ über das Aufstelldach gezogen, und das ist schon Gold wert. Ansonsten decken sich unsere Erfahrungen mit deinen: Unten prima heizbar (aber Kondensat an den Seitenwänden), oben sehr frisch zum Schlafen (was uns aber, entsprechend verpackt, nicht gestört hat, da wir immer kühl schlafen).
    Unser Fazit: Wintercamping nur, wenn entsprechend Bewegung draußen tagsüber möglich ist, sonst fällt dir schnell dir Decke auf den Kopf.
    Mach’s wie meine Eltern: Überwinter irgendwo in Südspanien 🙂
    Liebe Grüße ursula

Schreibe einen Kommentar