Freiheit

Tausend Wege zur Freiheit (3)

Jeder von uns gibt wahrscheinlich unbewusst ein Vermögen für Außenwirkung aus. Ob zu dick oder zu dumm, was immer für Selbstzweifel und Ängste uns Werbung und Erziehung so eintrichtern, wir alle sind Sklaven des Marketings. Es beginnt mit der Frage nach dem richtigen Shirt, damit die anderen Kids im Kindergarten dich cool genug finden und endet mit deiner Beerdigung, wenn Hinterbliebene glauben, durch den Preis deines Sargs ihre Wertschätzung für dich ausdrücken zu müssen. Das Aufheulen des Sechszylinders als hallender Paarungsruf, die kleine Flasche der teuren Saftmarke, die in der Butterbrotsdose auf dem Schulhof gesichtet allen zuruft, dass hier eine gute Mutter ihr Kind liebt.

 

Die materielle Entrümpelung war ein erster Schritt gewesen, um mein Gefühl des ständigen Zeitmangels und innerer Unruhe zu reduzieren. Schritt zwei lag nun darin, diese unsichtbaren Fesseln aus Konsum- und Verhaltenszwängen abzuschütteln, die uns zu jemanden machen sollen, der wir immer glaubten sein zu müssen. Aber da ich heute noch oft mit dem teuren Markenprodukt zur Kasse gehe und sinnloserweise mehr als zweimal jährlich das Auto wasche, stelle ich fest, dass treffende Erkenntnisse und schöne Reden oft erheblich leichter fallen als das eigene Verhalten zu ändern. Von ungemähtem Rasen bis zur weniger perfekten Sauberkeit im Haushalt gibt es viele Mittel gegen ethnologisch basierte Konditionierung, der Weg muss also das Ziel sein.

 

Erheblich einfacher fiel da die Neuordnung aller vertraglichen und finanziellen Verbindlichkeiten. Private und geschäftliche Bewegungen liegen bei kleinen Unternehmen oft dicht beieinander und vermischen sich. Das wollte ich aus Gründen der persönlichen Abgrenzung nun ändern und korrigieren. Ich ging daher jede einzelne Position meiner Konten durch, ersetzte alte Verträge durch günstigere neue, speckte ab oder kündigte falls sinnvoll und organisierte alle Vertrags-, Abo- und Zugangsdaten thematisch und alphabetisch geordnet in einer gesicherten Clouddatei. Nach Fertigstellung umgab mich das wunderbare Gefühl, nie mehr etwas suchen zu müssen, alles verstehen zu können und keinen Cent mehr falsch oder zuviel auszugeben. Dank minimaler Datenpflege ist diese Wahrnehmung bis heute so geblieben.

 

Die meisten von uns Selbstständigen begegnen sich in der Fehleinschätzung ihrer eigenen Unersetzbarkeit. Doch jeder von uns ist (geschäftlich) ersetzlich und falls nicht, ist das eigentlich nur ein persönlicher Beschluss  und vielleicht nicht einmal ein besonders schlauer. Aufgaben zu delegieren, Mitarbeitern Verantwortung zu übertragen und vor allem ihnen dabei auch Fehler zuzugestehen, bereitet vielen kleineren Unternehmern großes Unbehagen. Doch während die einen glauben, sich dadurch in existentielle Gefahr zu begeben, erleben andere, dass gerade die Mitarbeiter/innen es sind, die ihrem Geschäft die Seele geben, und das Menschen nur größer und besser werden, wenn man sie nicht ständig erdrückt und klein hält.

 

Privat hatte ich mich reduziert, entkernt und befreit, doch der finale Schritt mein Leben zu ändern bestand darin, eine Hälfte meines Geschäfts an eine Mitarbeiterin abzutreten. Sie wollte mehr machen und sich beruflich weiterentwickeln, ich weniger und mich beruflich zurückentwickeln, irgendwie passte alles und fügte sich, also entschied ich mich für diese Option. Für den Übergang der Geschäftsführung setzten wir uns ein Jahr. In dieser Zeit gab ich behutsam alle Arbeitbereiche nacheinander ab, bis schließlich alles gut und ich überflüssig geworden war. Vom Entschluss in Bad Oexen bis zu meinem letzten Arbeitstag waren am Ende 18 Monate und tausend kleine Erfolge nötig gewesen. Ob ich nun frei bin, wer weiß das schon, aber meine jeweilige Art zu leben als selbstgetroffene Entscheidung zu verstehen fällt mir heute leichter.

 

 

Probleme können sich ändern. Die großen Probleme von gestern sind heute vielleicht kleine Steine, die ich mit Leichtigkeit wegräumen kann. Manchmal braucht es nur etwas Zeit und Geduld.

(Nicole Oesterwind)

 

Ausblick

 

Mein Lieblingsfilm der Woche: Dein Weg (Link)

 

6 Gedanken zu „Tausend Wege zur Freiheit (3)

  1. Schöner Bericht mit viel Weisheit. Immer wieder gut sich solche Dinge in Erinnerung zu rufen, denn allzu schnell geht es im hektischen Alltag wieder vergessen was wirklich relevant ist im Leben…
    Grüsse Mike

  2. Was sagte mal ein alter Mann zu meinem Mann, der nun auch schon 15 Jahre tot ist: „Wo sind all die Menschen, die unersetzbar sind? Da hinten liegen sie auf dem Friedhof…!“

  3. Ich bin schon lange stille Mitleserin hier und ich fühle mich mit jedem gelesenen Artikel ein wenig gestärkter in meinem Aussteiger-Vorhaben. Auf meinem persönlichen Weg der tausend kleinen Schritte habe ich – 49 Jahre und solo – heute den allerersten offiziellen kleinen Schritt getan: Ich habe meinem Chef angekündigt, in der zweiten Jahreshälfte zu kündigen. Jetzt ist “es“ raus, es ist nicht mehr nur ein geheimer Traum. Die nächsten Schritte werden nun immer konkreter werden. Ich bin schon sehr aufgeregt. Und ich freue mich auf noch viele Beiträge bei “Kaffee im Rückspiegel“

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