Erinnerungen

Tausend Wege zur Freiheit (2)

Den ersten Karton füllte ich mit alten Büchern und stellte ihn vor das Haus, wo er wie von Zauberhand innerhalb weniger Stunden verschwand. Das war recht praktisch, also wurde eine tägliche Kiste daraus, die nie lange an der gut befahrenen Straße stehenblieb. Ob Italo-Western auf VHS oder schiefer Plastikturm aus Pisa, selbst B-Ware fand an sonnigen Tagen Abnehmer. Lediglich alte Möbel zu verschenken war schwierig. Eines Morgens waren zwei alte Regale zwar weg, an deren Stelle allerdings waren ein Staubsauger-Korpus, ein gigantischer tonnenschwerer Drucker und eine ganz erstaunliche Anzahl alter Kochtöpfe getreten.

 

Versteinerte Zementsäcke, den Monster-Drucker und Mischmüll in prallen Säcken entsorgte ich für wenig Geld beim städtischen Recylinghof, einen ganzen Berg Spiele spendete ich einer sozialen Einrichtung. Räume, Keller und Schubladen wurden zusehens leerer und ich immer leichter, obwohl ich als neugeborener Nichtraucher ständig zunahm. Jeden Tag etwas Ballast abzuwerfen war wie jeden Tag eine gute Tat, ich wurde quasi zum Pfadfinder der Selbstentrümpelung. Was ich neben ausgesuchten Möbeln behielt, waren am Ende nur Dinge, die mir wirklich etwas bedeuteten oder einen praktischen Zweck erfüllten.

 

Die Trennung von Objekten, hinter denen die enge Verbundenheit eines geliebten Menschen stand, gelang mir erst im zweiten Durchlauf. Ich fotografierte die Erinnungsstücke und brauchte viel Zeit, bis ich sie in den Bildern wiederfinden und fühlen konnte. Mir war sehr wichtig, diese Stücke und vor allem die Personen, für die sie standen, weder zu entwürdigen noch jemals zu vergessen. Vieles verschenkte ich ganz gezielt, einiges verbrannte ich rituell und nur weniges blieb. Am Ende lud ich viele Fotos hoch in die Cloud, in die Wolke irgendwo im Himmel, den es hoffentlich wirklich gibt. Ich rede mir ein, Erinnerungen an geliebte Menschen auch ohne materiellen Befund im Herzen tragen zu können.

 

Jedes kleine Teil, das uns haptisch oder optisch begegnet, nimmt uns für einen Augenblick gefangen, raubt einen Moment die Aufmerksamkeit, könnte man glauben. Ballastabwurf führt uns daher in ruhigeres Gewässer, zur Essenz dessen, was wir wirklich benötigen, benutzen und wertschätzen. In einer Wüste des permanenten visuellen Überflusses und allgegenwärtigen hibbeligen Medien wurde mein Zuhause eine Oase, im Gemälde Jackson Pollocks ein gerader weißer Strich im goldenen Schnitt. Als es irgendwann nichts mehr zu entsorgen gab, empfand ich meine Wohnsituation sehr viel entspannter und angenehmer. Nicht nur Schubladen und Fächer, auch meine Gedanken waren freier und aufgeräumter. An Stelle vieler Altlasten war nun leerer Raum getreten und bot Platz für Neues.

 

Mittlerweile kaufe ich eher selten etwas, tausche Vorhandenes meist nur gegen höhere Qualität aus und halte Bestehendes instand. Kein materieller Jojo-Effekt also, die freien Räume füllen sich nicht wieder. Reduziert zu leben, nicht aus der Not sondern einer bewussten Entscheidung heraus, ist ein spürbarer Gewinn an Zeit und Freiheitsgefühl. Vielleicht müssen wir vieles erst einmal besessen haben, um gelassen darauf verzichten zu können. Vielleicht reicht auch die Gewissheit, etwas haben zu können, um es nicht haben zu müssen. Wenig zu besitzen, dafür aber das jeweils Beste vom Besten, ist eine erfüllende und angenehme Form von Minimalismus. Man zweifelt weniger, kann wieder wertschätzen und sich besser erinnern.

 

 

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.

(Lucius Annaeus Seneca)

 

Aufgeräumt

 

Mein Lieblingsbuch der Woche: „Vor dem Fall“ von Noah Hawley.

 

4 Gedanken zu „Tausend Wege zur Freiheit (2)

  1. Beneidenswert.
    Bei uns zuhause stapeln sich überall die unnützen Dinge.
    Es ist ja nicht einmal so, dass ich mich nicht davon trennen könnte, sondern ich bringe es irgendwie nicht auf die Reihe damit anzufangen.

  2. Doch fällts manchem schwer

    Das Loslassen

    Sicherheit aufgeben
    Freiheit zulassen

    So wartet das nicht gesehene Kleid
    vergeblich sein Leben lang
    Getragen zu werden

    Könnte doch etwas fehlen
    ÜberHäufen wir stetig an

    einen Wall
    Für schlechte Zeiten
    Die nicht kommen

    Verschließen sich nicht gesehene Wege
    Hinter Bergen angehäufter Sicherheiten

    😉

Schreibe einen Kommentar