Bad Oexen

Tausend Wege zur Freiheit (1)

Um sich die Möglichkeit zu eröffnen, sein Leben zu verändern, eine lange Auszeit zu nehmen oder zumindest mehr innere Ruhe für sich selbst zu finden, sollte man sich wahrscheinlich zunächst mit allen gegenläufigen und behindernden Einflüssen beschäftigen und sich diese verständlich und transparent machen. Man zerlegt in gewisser Weise eine große Mauer in viele kleine Steinchen, die man im Anschluss wegschafft.

 

Meine Reha machte ich in einen Ort namens Bad Oexen. Dort gibt es eine sehr gute onkologische Klinik. Tagsüber gab es Kurse und Anwendungen, das Abendprogramm aber war eher verhalten. Auf dem Vorhof gab es ein Raucherhäuschen, wo man frisch operierte rauchende Krebspatienten beobachten konnte, wenn einen so etwas interessierte, vielleicht weil man selbst gerade mit dem Mist aufgehört hatte, und gelegentlich wurde ein Bastelkurs angeboten. Darüber hinaus hatte Bad Oexen nur noch völlige Ruhe zu bieten. Nach dem Abendbrot machte ich lange Spaziergänge durch Parks und Wälder, besuchte die Schafe dort und die kleine Ziege Fluffy. Vermutlich ist kein Ort dieser Welt ruhiger als die Wälder von Bad Oexen, und nach wenigen Tagen zwischen Schafen und verständnisvollen Menschen gelang es mir leicht, Abstand zu alten Denkmustern zu gewinnen.

 

Abends im Zimmer dachte ich darüber nach, was zwischen mir und dieser langen Auszeit steht, von der ich immer geträumt hatte, fing an zu fragen, was mich davon abhält, es einfach zu tun. Ich nahm Papier, einen Stift und malte ein kleines krumpeliges Männchen, ich jetzt, auf die linke und einen öckeligen Bulli, ich frei und weg, auf die rechte Seite. Dann blickte ich aufs Papier, sah aus dem Fenster, blickte erneut aufs Papier und trank meinen Tee. Etwas hatte sich verändert. Eine bis dato vage Sehnsucht hatte plötzlich ein Gesicht bekommen und einen Denkprozess in Gang gesetzt, der mir ein Ziel zeigte.

 

In den Tagen danach begann ich, alle meine Verbindlichkeiten, Verpflichtungen und Besitztümer aufzuschreiben und verschiedenen Positiv- und Negativ-Listen zuzusortieren. Ich stilisierte und ordnete mein Leben. Das war sehr erstaunlich, denn je detaillierter und ehrlicher ich vorging, umso deutlicher kam heraus, dass ein wesentlicher Teil meines Alltags durch Zeug bestimmt war, dass ich weder brauchte noch mochte, also reiner Ballast. Ein anderer Teil, ebenfalls durchaus ansehnlich, war durch äußere Einflüsse und seltsame Denkmuster bestimmt, also fragwürdige Verträge, vermeintlich wichtige bürokratische Pflichten und unterwusst fremdgesteuertes Verhalten.

 

Durch diese mentale Selbstentrümpelung beflügelt, hinterfragte ich auch mein eigenes Verhalten und Empfinden zunehmend kritisch. Was machen wir nicht alles aus falscher Gutmütigkeit heraus, aus Mitleid oder weil wir fürchten, die Anderen denken schlecht über uns oder könnten besser als wir sein. Wie oft handeln oder kaufen wir aus konsumgesteuerten Ängsten heraus, die lediglich auf psychologischem Marketing basieren. Bevor ich nach sechs Wochen Bad Oexen verließ, löschte ich alle meine Aufzeichnungen und Listen. Ich brauchte sie nicht mehr, sie waren längst Teil meines Denkens geworden. Zuhause angekommen dachte ich noch einmal lange über all das nach, was sich in meinem Leben angesammelt hatte, materiell, mental und emotional. Dann holte ich einen leeren Karton und fing an.

 

 

Die Fähigkeit, dass Wort „Nein“ auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit.

(Nicolas Chamfort)

 

Ziege

 

Mein Lieblingsbuch der Woche: „Das Tribunal“ von John Katzenbach.

 

4 Gedanken zu „Tausend Wege zur Freiheit (1)

  1. Die meisten von uns spüren mehr oder weniger stark bestimmte Schwächen, Ängste und innere Blockaden, die uns oft das Leben schwermachen. Vor ein paar Jahren las ich ein Buch über Feng Shui, unter anderem ging es auch um „Gerümpel“ im Kopf und im Leben aus dem Weg zu räumen, selbständig ordnen und eigene Energien wieder frei fließen zu lassen.
    Das habe ich in die Tat umgesetzt, mich von überflüssigen Dingen getrennt und auch von Menschen die mir nicht gut taten. Das tue ich heute noch, denn diese mentale und emotionale Selbsthilfe, ist sehr befreiend und tut sooo gut! ; )

    Also, stimme dir absolut zu und ich fühle mich in meinen Gedanken und Empfinden wieder einmal bestätigt. Danke!

  2. Hallo Rolf,
    vielen Dank für deine anregenden Texte, die ich seit einiger Zeit mit viel Anteilnahme verfolge. Ich möchte deine Botschaft und Freiheitsgedanken durch einige kleine von mir verfasste Aphorismen bestätigend ergänzen. Durch eine “Krankheits-Nach-und Auszeit“ und eine (unfreiwilligen) Erwerbsminderung, habe ich eine andere Sicht von Freiheit erfahren, die ich mir nach und nach, u.a. auch durch Schreiben und durch WOMO-Reisen zugänglich gemacht und wertschätzen gelernt habe.
    Oder reflektierend betrachtet, so wie es Raymond Walden auf seiner Seite mal zutreffend beschrieben hat:
    “In der Arbeitswelt ist man zu sehr mit der Beschäftigung beschäftigt, um sich der flüchtigen Rahmenbedingungen des Lebens bewusst zu bleiben. Zyniker behaupten sarkastisch, Arbeit mache frei. Doch Freiheit keimt nicht im Zwang, sondern in freiwilliger Aktivität und sich bestätigender Kreativität.“
    Und dafür nehmen wir uns leider zu wenig Zeit. Ich diesen Sinne wünsche ich dir weiterhin dynamisches Reisen auf freien Wegen und immer mit einer handbreit Freiheit “unter dem Kiel“.

    – Krankheit ist immer auch eine Erschütterung des Geistes als und mit der Folge verrückender Glaubenssätze und dem Ringen innerer Kräfte.
    – “Verrücktheit“ bedeutet Bewusstwerdung, Gewahrsein und Befreiung zugleich.
    – Verwehrte Fremdbestimmung ist zunächst Entfremdung und Fremdheit mit befremdlichen Gefühlen, führt jedoch zunehmend im Gleichklang der Selbstbestimmung zu einer kreativ versöhnlichen Freundschaft mit sich selbst.
    – Auf Selbstbetrug steht allzu oft die Freiheitsstrafe, mitunter lebenslang.
    – Viel zu wenig richtet sich mein Blick nach innen, um dort das Weite zu sehen.
    – Ich glaube, ich bin immer mehr auf ziemlich geraden Weg zu mir selbst unterwegs.

    Liebe Grüße Martin

    1. Lieber Martin, vielen Dank für diesen überaus anregenden Kommentar, den man sicher mehr als einmal lesen und auf sich wirken lassen muss. Großartig!

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