Typisch Deutsch

Schwierig denken einfach machen

Wir Deutsche haben, so würde der Kommunikationswirt es wohl ausdrücken, ein unverwechselbar sauberes Image mit einem exakt herausgearbeiteten und etabliertem Profil. Wir stehen international für Sicherheit, Präzision, Zuverlässigkeit und Pflichterfüllung. Zackige bewährte Tugenden, die für gewiefte händereibende Unternehmer und Politiker gewinn- und steuerträchtig sind, aber uns privat mittlerweile eher schaden als nützen. Alles Schnee von gestern in einer Zeit, in der jeder nach neuen Werten sucht, um sich selbst als Persönlichkeit überhaupt noch wahrnehmen zu können. Nach vielen Jahren üben gelingt es mir zum Glück sehr gut, nicht mehr typisch deutsch im alten Sinn zu sein. Aber, verdammt nochmal, manchmal will das einfach nicht klappen.

 

Mein Blog auf Facebook sollte endlich ein Weblog werden. WordPress ist pipi einfach, hatten mir alle gesagt, aber dann verrottete ich auf kryptische Buttons starrend vor dem Bildschirm und ging abends niedergeschlagen und gehirntot ins Bett. Pipi einfach, schon klar. Nach zwei zermürbenden Tagen sah ich mir mit innerem Schauder sogar pottenlangweilige YouTube-Tutorials an, aber dann warf ich das Handtuch und suchte professionelle Hilfe. Die fand ich in Form von Jordi, dem Freund einer Freundin, und der kam vor ein paar Tagen nun zu mir.

 

Jordi ist Programmierer, sieht gut aus und ist so um die dreißig. Er ist also quasi eine jüngere Version von mir selbst, nur zeitgemäßer, etwas größer, erheblich schlauer und ganz anders. Er ist Spanier. Als ich ihm mein Dilemma erklären will und mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn dazu ansetze, macht er kopfschüttelnd eine wegwischende Geste und lächelt mich gewinnend an: „Ach du, lass uns doch einfach erstmal machen. Einfach anfangen. Alles andere ergibt sich dann von alleine. Eins nach dem anderen. Du kannst ja überhaupt nichts falschmachen.“

 

Einen Tag später habe ich meine Seite fertig, viele Tage stumpfen Dahinsiechens und die Angst etwas falsch zu machen waren unnötig. Ich habe gelernt, dass typisch spanisch weitaus mehr Spaß macht als typisch deutsch, viel mehr dabei herauskommt und wir Deutsche uns oft selbst im Weg stehen. Das ist nicht nur bei WordPress so, sondern auch in anderen Bereichen unseres Lebens. Wenn der Spanier schon besoffen Richtfest feiert, ist der Deutsche noch immer dabei, seinen Grundstein zu vermessen.

 

Ich finde Genauigkeit grundsätzlich großartig, ich bin selbst ganz genau. Genauigkeit kann aber auch zu Perfektionismus werden und dafür sorgen, dass man zu lange zögert oder wegen ewigem Herumdoktern an nebensächlichen Details das eigentliche große Ziel aus den Augen verliert. Das ist recht unbefriedigend, es geht überhaupt nicht voran, und nach kurzer Zeit gibt man frustriert auf. Was dann oft am Ende bleibt, ist das herausgeputzte nebensächliche Detail und eine mentale Hinderniswand, die für zukünftige Projekte nun einen Meter höher geworden ist.

 

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