Daniél und Yolanda

Santiago de Compostela (2)

Die beste Reisezeit für Santiago de Compostela ist September bis Oktober, wenn die großen Touristenströme endlich weg aber die Temperaturen noch mediterran sind. Mit meinem Bulli stehe ich auf dem Camping as Cancelas, dem vielleicht schönsten Platz meines kurzen Camperlebens. Die Anlage liegt in Terrassen angeordnet am Berg mit Blick über die Stadt, bietet kostenlos Wlan, viel alten Baumbestand und interessante Menschen. Hohe Bulli-Dichte. Im unterer Ebene ist zudem ein Pilger-Hostel samt Café angegliedert, daher bleibt man nie lange allein, wenn man das nicht will. Allerdings bleibt man auch nie lange allein, wenn man das will.

 

Am liebsten sitze und schreibe ich auf der langen Steinbank gegenüber der heiligen Pforte, einem Eingang zur Kathedrale, die nur am 25. Juli geöffnet wird, dem Todestag vom heiligen Jakobus, wenn dieser auf einen Sonntag fällt. Die Atmosphäre erinnert an eine Chillout-Area. Das Licht ist schön, die Menschen verhalten sich in Tempo und Lautstärke dem Ort angemessen und ein vermummter Mann spielt Gitarre, leider in der Art Eric Clapton meets La Paloma Blanca. Wäre WDR 4 hier ansässig, würde er sicher da arbeiten. Der vermummte Mann ist Lehrer einer Grundschule in Pineiro und möchte unerkannt bleiben, aber da sogar ich sein Geheimnis kenne, hat das wohl nicht so gut geklappt.

 

Café con leche doble, deutsch Caffé Latte tall extra shot, trinke ich am Hotel Costa Verde in der Porta Peña. Dort im Hinterhof ist ein kleines Café in einem wilden ursprünglich gelassenen Garten unter Apfelbäumen. Das Besondere hier ist, dass immer mal wieder ein Apfel auf einen Kuchen oder unachtsamen Besucher flatscht. Mancher Gast scheint diesen Thrill zu mögen, guckt gespannt umher und nickt dann listig schadenfroh, wenn‘s endlich passiert. In der Mitte des Gartens plätschert gemütlich ein Springbrunnen, auf dessen Rand unzählige heruntergefallene Äpfel aufgestapelt sind.

 

Das leckerste Amarena-Kirsch meiner gesammelten Reisen gibt es bei Limoncelli, einer Eisdiele an der Rua de Franco. Dieses Eis führt Diäten und Trainings geradeaus in die Sinnlosigkeit. Bei meinem siebten Besuch dort klatsche ich auf meine Amarena-Kirsch-Wampe und sage dem jungen Mann hinter der Theke das in etwa auch so. Ich lebe nach dem wünschenswerten Vorsatz, netter Kunde zu sein. Daniél, der Inhaber vom Limoncelli, lacht und da freundliche Worte von Touristen hier noch seltener als muslimische Pilger aus Paraguay sind, kommen wir ins Gespräch.

 

Im Winter, wenn die Eisdiele geschlossen ist, arbeitet Daniél mit seiner Frau Yolanda an einem Blog und filmt für ihren Youtube-Channel Yolibri. Als ich erwähne, dass ich eine professionelle Drohne an Bord habe, lädt er mich spontan zum Frühstück am nächsten Tag mit einer anschließenden Tour zu einer Talsperre ein, wo man fliegen und fantastische Landschaftsaufnahmen machen könne. Vor Ort lernen wir Carlos und Marisoll kennen, ein sehr liebenswürdiges Paar, das dort recht abgeschieden lebt und sich seit gerade eben für Drohnen begeistern kann. Wenig später hat jeder von uns ein Glas Rotwein in der Hand, und Carlos fliegt das Ding erheblich besser als ich.

 

Heute verlasse ich Santiago de Compostela mit einem erweiterten Verständnis über Pilgern und Alleinreisen. Durch die oft kaum zu ertragende Ruhe und das ständige Abhandensein einer Begleitung lernen wir, uns selbst und andere Menschen auf eine intensivere Weise als individuell und einzigartig wahrzunehmen. Alleinreisen ist nicht einfach und erfordert immer wieder Überwindung, aber es lässt uns zwangsläufig bescheidener, aufgeschlossener und am Ende für vieles dankbar sein, das im normalen Leben nicht einmal unsere Aufmerksamkeit findet. Wir bauen uns vereinzelt Burgen der Vertrautheit, in dem wir uns bewusst Lieblingsplätze suchen, die wir dann öfter besuchen. Und manchmal begegnen wir dort Menschen, die uns ein Leben lang gefehlt haben, ohne dass wir es wussten.

 

Garten Santiago de Compostela

 

9 Gedanken zu „Santiago de Compostela (2)

  1. Als wäre man selbst dabei. Deine Art zu schreiben und deine besondere Art auf das Leben zu blicken begeistern mich und ich freue mich auf jeden neuen Artikel von dir.

    1. Wenn man älter wird und den einen und auch anderen Streifen erlebt hat, sieht man vieles tatsächlich anders als früher. Das ist nicht schlecht. Rede ich mir zumindest ein. Danke für dein sehr nettes Feedback! Liebe Grüße!

  2. Lieber Rolli,

    du hast von Anfang an sehr gut geschrieben und trotzdem finde ich, dass du immer besser wirst, wirklich ganz, ganz toll!
    Ein kleiner formaler Nachteil ist aus meiner Sicht, dass es nicht möglich ist, die Beiträge zu abonnieren, wenn man keinen Kommentar schreibt – zumindest ist es mir nicht gelungen.

    Ganz liebe Grüße
    Babette

    1. Liebe Babette,

      vielen Dank für das schöne Kompliment zum Schreiben. Was das Abonnieren angeht, habe ich jetzt eine Anmeldemaske für Abonnenten eingebaut. Beim nächsten Beitrag werden wir sehen, ob das auch wirklich finktioniert. Ich bin mit WordPress immer noch sehr unsicher.

      Bei meinem nächsten Homestop sehen wir uns in Berlin. Liebe Grüße.

  3. Ich fühle mich, an den von dir beschriebenen Orten versetzt, als wäre ich selbst dabei. : )
    DANKE für die wunderschönen Eindrücke und die besondere Reisegeschichte Rolf.

    „Und manchmal begegnen wir dort Menschen, die uns ein Leben lang gefehlt haben, ohne dass wir es wussten.“
    Wunderbarer Schlusssatz!

    Ganz viel Spaß weiterhin auf deinen Reisen, wünsche ich. Ich bleibe gespannt auf weitere Geschichten! ; )

  4. Der Pilgerweg ein unerfüllter Traum. Dankefür deinen wunderbaren Bericht darüber. Ich bin ein ganzes Stück mitgegangen. Liebe Grüsse Dorothea

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