Bulli im Schnee

Die Verpflichtung von Leidenschaft

Ein paar Kunden betreten das Café und grüßen mich. Ein schönes Gefühl, doch nicht ganz vergessen zu sein. Ich hatte Sehnsucht auf diese kleine Mitte der Welt und empfinde meine Anwesenheit hier in ihrer neuen Freiwilligkeit ungewohnt beruhigend. Ich bin zu einem der Menschen geworden, die ich früher bediente, sitze in ihrer Mitte und stelle dankbar fest, dass es sich nicht mehr falsch anfühlt. Aus beiläufigen Grüßen entwickeln sich inzwischen immer häufiger lange Gespräche. Ich habe losgelassen, die Verantwortung für diesen mir so vertrauten Laden fühle ich nicht mehr. Das iPad auf dem Schoß sitze ich am Fenster, versuche einzelne Schneeflocken zu verfolgen und schmelze mit ihnen weg.

 

Eigentlich wäre ich lieber im Wald, Schlitten fahren oder Stöckchen für struselige Freunde werfen, aber ich bin in Verzug und habe das Schreiben diese Woche schon tagelang vor mir hergeschoben. Ich muss etwas tun. Aber warum glaube ich eigentlich, dass ich das muss? Würde mich ein verrückter Wissenschaftler schnappen und mitzerren und mein Gehirn in einem hochkomplizierten Verfahren mit unzähligen blinkenden Dioden an seinen Computer anschließen, dann könnte er bestimmt erkennen, dass es im Grunde doch immer wieder das Gleiche mit uns Typen ist. Lebensumstände und Orte zu wechseln geht mitunter schnell, aber sich selbst dabei einzubeziehen, die eigenen Gedanken und Angewohnheiten abzulegen, das steht immer irgendwie auf einem anderen Blatt. Wir halten uns oft an Routinen und Pflichten fest, nur um ein Alibi zu haben, uns nicht auf neues Terrain begeben zu können, hat es den Anschein.

 

Was ein Ausstieg wirklich bedeutet, wie ich die nie gekannte Freiheit leben und verstehen soll, das lerne ich im Alltag eigentlich erst jetzt, nachdem sich das Neue dieser veränderten Situation so langsam abgeschliffen hat. Optional kann ich natürlich tun und lassen was ich will, von finanziellen und körperlichen Einschränkungen sowie dem Konzept denkender Vernunft einmal abgesehen. Eine Yacht werde ich mir nicht kaufen und den Mount Everest wahrscheinlich nicht erstürmen, sonst jedoch ist allerhand denkbar. Und damit stehe ich plötzlich irgendwie wieder im wahren Leben, in der mich die Menge dieser Möglichkeiten schlicht überfordert. Ich muss mich für eine Richtung entscheiden, einen Weg einschlagen, mich nicht in jede Seitengasse ziehen lassen, wo ein Licht flackert.

 

Das Schreiben für diesen Blog hat mir von Anfang an sehr viel gegeben. Ich bekomme positives Feedback und manchmal Angebote, denen andere Männer meines Alters durchaus erliegen könnten. Daran kann man sich gewöhnen, es streichelt die Seele, bremst mich aber auch aus. Denn während ich durch das Fenster hier auf die Menschen der Stadt blicke, habe ich die Befürchtung, wieder zunehmend in mich als die stark leistungsorientierte Person zurückzufallen, die ich über Jahrzehnte war und eigentlich nie mehr sein wollte. Ich fange an, diesen einen Text pro Woche zunehmend als eine auf meinem Stundenplan festgetackerte Pflichtveranstaltung zu sehen, weil das zu einer regelmäßigen Routine herangewachsen ist und ich keinen Leser enttäuschen möchte, der sich vielleicht daran gewöhnt hat.

 

Pflichtbewusstsein ist so tief in vielen von uns verankert, dass es hinter jeder Ecke lauert, von klein auf als deutsche Tugend mit erhobenem Zeigefinger in unser Gehirn eingebrannt. Ich habe einmal gelesen, man würde zum Verarbeiten einer gescheiterten Liebe die Hälfte der Zeit benötigen, die die Beziehung zuvor gehalten hat. Vielleicht greift diese Formel auch, wenn es darum geht, solche seltsamen Verhaltensmuster aus dem Kopf zu kriegen, von denen wir seit langem wissen, dass sie uns nicht gut tun. Aus dieser Erkenntnis heraus werde ich ab sofort öfter mal die Routine durchbrechen und bewusst darauf verzichten, einen Text aufs Papier zu bringen und mir in jedem Fall einer Lustlosigkeit sagen, dass ich in meiner Entscheidung zu schreiben niemandem verpflichtet bin und dieser Blog auf Freude und Freiwilligkeit basiert. Mein struseliger Freund Willi wird es mir danken, wir werden mehr Zeit im Wald verbringen.

 

 

Du hörst auf, ein Kind zu sein, an dem Tage, da du das Wort: Pflicht verstanden hast.
(Carmen Sylva)

 

Nichts wahrhaft Wertvolles erwächst aus Ehrgeiz oder bloßem Pflichtgefühl, sondern vielmehr aus Liebe und Treue zu Menschen und Dingen.
(Albert Einstein)

 

Willi

 

Lieblingsbuch der Woche: Gute Geister von Kathryn Stockett (Link)

 

9 Gedanken zu „Die Verpflichtung von Leidenschaft

    1. Da bin ich ganz bei dir, Christel. Und sonst machen wir uns dann eines Tages auf, das Kind in uns mit seiner Neugier und positiven Unvoreingenommenheit wiederzufinden. Dafür ist es in keinem Alter zu spät.

  1. ….“denn während ich durch das Fenster hier auf die Menschen der Stadt blicke, habe ich die Befürchtung, wieder zunehmend in mich als die stark leistungsorientierte Person zurückzufallen, die ich über Jahrzehnte war und eigentlich nie mehr sein wollt“….

    Wunderbar erkannt und formuliert! Kleiner Gedankenanstoss: um „Pflicht“ zu verstehen, muss man nicht Aufhören Kind zu sein 🙂

    …Stell dir vor, du wärst verzaubert,
    kichere mit Kindern,
    höre alten Leuten zu.
    Spiele mit allem,
    unterhalte das Kind in dir…

    Worte von Joseph Beuys aus „Lass dich fallen“

  2. Lieber Rolf,

    was müssen wir wirklich? Essen und sterben. Wobei selbst jenes eine oder das andere funktioniert. Als ich mit meinem Bulli aufbrechen wollte, wollte ich als allererstes ins Blaue fahren. Dorthin, wo keine Karte führt, wo an jeder Ecke und an jeder Kreuzung lediglich mein Popometer sagt, in welche Richtung ich den Blinker setzen soll. Dorthin, wo man morgens nicht weiß, wo man abends landet. Welch schönes kindliches Abenteuerland mich auf dieser Reise wohl erwarten würde.

    Heute, nachdem ich auf meiner Reise zu mir selbst angekommen bin (manchmal mehr, manchmal weniger), setzte ich mir wieder Ziele und steuere sie auch relativ konsequent an, was mir aber auch manchmal mißlingt. (Gott sei dank)

    Ganz zu Beginn hast Du Dir eine Frist von 2 Jahren gesetzt, die, wenn ich Deinen Blog aufmerksam gelesen habe, jetzt knapp zu Hälfte vorrüber ist. Ich bin mal sehr gespannt, wohin dich Deine Reise durch Dein Leben nach dieser Frist führt.

    Hoffentlich an Dein Ziel. Das wünsche ich Dir.

    P.S.:
    Hast Du schon eine wage Vorstellung davon, was du dann machen wirst?

    1. Dreißig Jahre 7-Tage-Woche ist wie eine intensive Gehirnwäsche, fast schon ein Trauma, und ich merke oft, dass ich das noch lange ganz nicht hinter mir gelassen habe. Insofern strenge ich mich erstmal noch sehr an, noch nicht darüber nachzudenken, wie es danach weitergeht.

      1. Ein sehr kluger Gedanke. Ich wünsch dir, dass deine Antwort mehr aus dem Bauch bzw Deinem Herzen kommt, als aus deinem Kopf.
        Schönen noch.

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