Straße Stonehaven

Talk about Smalltalk

Vor einer Woche stand ich am Bulli im Hafen von Dover, als ein Mann von weiter vorne an mir vorbeiging, stoppte und mich ansah. Dann ging alles sehr schnell. Sein Gehirn hatte etwas assoziiert, Worte dazu gepackt und direkt am Verstand vorbei rausgehauen: „Na, mal woanders einen Kaffee trinken?“ Und obwohl ich ganz sprachlos war, hörte ich wie aus dem Off meine Antwort: „Ja, das ist ja auch mal ganz schön.“ Das war Frank, und danach haben wir zu lachen gehabt, über uns und dann noch mehr.

 

Verkauft man Kaffee, und das regelmäßig und öffentlich und viel und lange, wird man von seinen Kunden auf Kaffee reduziert und nur noch eindimensional wahrgenommen. Kein schönes Gefühl. Aber andersrum ist es nicht anders, denke ich. Dein Kunde ist ja schließlich auch nur dein Kunde, wenn er genau da steht, wo du ihm normalerweise immer lächelnd etwas verkaufst. Das ist nicht im Zahnarztstuhl mit Spritze über dir noch am Urinal mit Pillermann neben dir. Und absolut auch nicht im Hafen von Dover vor mir. In solchen Situationen entstehen dann anfangs auch keine besonders intelligenten Gespräche.

 

Ich bin unterwegs zu einem Zwischenstop zuhause, wo meine turnusmäßigen Untersuchungen und Bluttests anstehen. Nach über sechs Wochen und fast 6.000 km in England, Wales und Schottland freue ich mich auf meine Liebsten. Und doch fällt mir der Abschied nicht leicht. Ich bin hier gewachsen, nicht dümmer aber jünger geworden. Mein eigenes Land, Deutschland, wurde mir zunehmend fremd in dieser Zeit. Wir besitzen neuere Straßen und höheren Lebensstandard, aber die Briten beneide ich um ihre Menschlichkeit und Lebensqualität. Viel Zeit, mehr Bescheidenheit, wenige aber qualitativ sehr hochwertige Produkte und ganz viel Natur haben mich auf dieser ersten längeren Tour mit dem Bulli recht glücklich und zufrieden über die Tage und durch die Nächte gebracht.

 

Spätestens ab der dritten Woche konnte ich die Art und Weise, wie ich früher gelebt habe, nur noch bedingt nachvollziehen. Die deutschen Tugenden, die man uns allen seit Generationen eintrichtert, habe ich immer exzessiv und mit großer Überzeugung gelebt, aber aus den beschaulichen Ecken in Schottland betrachtet schienen sie mir plötzlich nicht mehr die richtigen zu sein. Seien wir doch mal ehrlich. Hätten die Bauern und Leibeigenen vor tausend Jahren, als sie mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet zur Abgabe des Zehnten beim König anklopften, schon gewusst, dass man heute recht zufrieden siebenmal so viel abgibt und das trotzdem nicht reicht, wäre die Depression doch schon viel früher erfunden worden.

 

Das Thema Freiheit im Denken hat mich sehr beschäftigt. Wann wir frei sind, was Freiheit bedeutet und was dazu führt, dass wir uns gefangen fühlen, das ist ein sehr komplexes und für jeden individuelles Thema. Nach dem Ausstieg aus sämtlichen beruflichen Verpflichtungen fühle ich mich in manchen Momenten schon etwas freier, aber diese Sternstunde des Smalltalks in Dover verdeutlicht, dass da hoffentlich noch was geht. In den nächsten Wochen werde ich mich vermehrt damit befassen, und dann geht es nach Spanien und Portugal.

 

Charmant

 

2 Gedanken zu „Talk about Smalltalk

  1. Ich bin selbst begeisterte Schottland-Reisende im womo seit 7 Jahren und liebe die ruhige und teils humorvolle Art der Schotten, mit dem zunehmenden Tourismus und Verkehr auf ihren Straßen umzugehen. Das ist ein Land zum entschleunigen, tolle Menschen kennenzulernen und eine Natur zu erleben, wie ich sie vorher noch nie gesehen habe. Ich freue mich, dass du das ähnlich siehst und wünsche dir noch viele schöne Eindrücke in diesem bezauberten lan und den wunderbaren Menschen dort. Ach ja, einen Tipp hätte ich, wenn du da noch nicht warst, fahr auf die äußeren hebriden, unglaublich schöne Landschaften erwarten dich dort.

    1. Liebe Dagmar,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Schottland muss man öfter besuchen, soviel steht fest. Ich hatte mir bei der Tour einfach zu viel Strecke vorgenommen, mein Tempo war zu hoch. Die inneren Hebriden waren ein Traum, die äußeren sind beim nächsten mal mit mehr Zeit und Ruhe dran.

      Alles Gute für dich und stets beulenfrei,
      Rolf

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